Dr. med. Thomas Giesen

Facharzt für Innere Medizin

Infektionen

Borreliose

Allgemeines

Die Lyme-Borreliose ist eine bakterielle Infektionskrankheit, die meist von Zecken über den Stechrüssel beim Saugvorgang auf den Menschen übertragen wird. In Deutschland ist Ixodes ricinus, auch „gemeiner Holzbock" genannt, die Zeckenart, die überwiegend als Überträger auftritt. Sehr viel seltener ist eine Übertragung durch andere blutsaugende Insekten wie z.B. Pferdebremsen, Fliegen, Mücken und Flöhe beschrieben worden.

Infektionen finden besonders in der warmen Jahreszeit von April bis Oktober statt, wenn die Zecken in Wäldern, Gräsern (meist Larven), niedrigen Büschen (Nymphen) oder Sträuchern (ausgewachsene Zecken) auf Wildtiere lauern, um bei ihnen Blut zu saugen. Zecken haben eine Vorliebe für Rauhes und halten sich daran fest, wenn sie Berührung damit aufnehmen können (z.B. Fell des vorbeistreifenden Wildes). Dabei sind sie nicht immer wählerisch und gehen auch auf vorbeispazierende Menschen über.

Die Lyme-Borreliose kommt nahezu weltweit in den gemäßigten Klimazonen vor, während in den Tropen andere Borreliosen verbreitet sind, wie die durch Läuse oder Zecken übertragenen Rückfallfieber-Borreliosen.

Nicht zu verwechseln ist die Lyme-Borreliose mit der ebenfalls durch Zecken übertragenen Frühsommer-Meningo-Enzephalitis (FSME), eine durch ein Virus hervorgerufene Hirnhaut- oder Hirnentzündung, der mit einer Impfung vorgebeugt werden kann. Die Lyme-Borreliose ist weitaus häufiger als FSME. Die Übertragung von FSME beschränkt sich im Gegensatz zur Borreliose in Deutschland auf bestimmte Risikogebiete, vor allem Süddeutschland sowie Teile Hessens sind betroffen. Borreliose und FSME können allerdings auch gleichzeitig beim Stich einer Zecke übertragen werden.

Neben Borreliose und FSME gibt es noch einige weitere von Zecken übertragbare Krankheiten wie z.B. Ehrlichose, Babesiose und Rickettsiosen, die zum Teil auch von anderen Zecken als dem Holzbock (braune Hundezecke, Schafzecke) übertragen werden.

Übertragung

Verantwortlich für die Ausbildung des Krankheitsbilds der Lyme-Borreliose ist das Bakterium Borrelia burgdorferi. Dieser Vertreter der Bakterienfamilie der Spirochaeten (Schraubenbakterien) ist wie eine unregelmäßige Spirale geformt, groß und beweglich und wurde nach seinem Entdecker Willy Burgdorfer benannt, der die Bakterien erstmals 1982 bei Patienten aus der Ortschaft Lyme (gesprochen: laim) im US-Bundesstaat Connecticut nachgewiesen hat.

Durch den Stich verschiedener Zeckenarten und in selteneren Fällen auch anderer blutsaugender Insekten können diese Bakterien in die menschliche Haut und den Blutkreislauf gelangen, wo sie sich weitervermehren und in der Folge verschiedene Organsysteme befallen können. Die zu den Spinnentieren zählenden Zecken nehmen bei Blutmahlzeiten an wild lebenden Tieren (Nagetiere, Rotwild) den Erreger auf, ohne jedoch selbst zu erkranken. Da die Aufnahmewahrscheinlichkeit mit jeder Blutmahlzeit wächst, sind Larven am seltensten und ausgewachsene Zecken (Adulte) am häufigsten Träger von Borrelien.

Zecken machen 3 Entwicklungsstadien durch: Larve (3 Beinpaare), Nymphe und erwachsene Zecke (je vier Beinpaare). In jedem Stadium sticht das einzelne Tier nur einmal, wobei vor allem die weiblichen Adulten auf ein mehrfaches ihrer "nüchternen" Körpergröße anschwellen. In Deutschland sind etwa 5-35% der Zecken je nach Region und Entwicklungsstadium der Zecke mit Borrelien befallen. Der Stich einer borrelienhaltigen Zecke führt bei ca. 10% der Betroffenen zur Ausbildung von Antikörpern im Blut (so genannte Serokonversion), wobei es nur in etwa 2-4% dieser Übertragungen dann auch zur Ausbildung der Erkrankung kommt. Alles zusammengenommen liegt die Ansteckungswahrscheinlichkeit bei etwa 0,01-0,1%.

Erste Anzeichen

In etwa 40% der Fälle beginnt eine Borreliose mit der Entwicklung eines Erythema migrans. Erythem ist ein allgemeiner Begriff, der lediglich eine Rötung der Haut beschreibt. Sie wird durch eine verstärkte Durchblutung der Haut hervorgerufen. Das Erythema migrans (lateinisch: migrare = wandern) wird auch „Wanderröte" genannt. Die Rötung befindet sich zunächst an der Einstichstelle und breitet sich kreisförmig um diese aus, wobei sie meist einen Durchmesser von mehreren Zentimetern erreicht und gelegentlich bis über 20 Zentimeter groß werden kann. Häufig verblasst die Rötung im Verlauf in der Mitte und erscheint daher ringförmig. Sie kann auch an mehreren Körperstellen auftreten. Das Erythema migrans ist von einer örtlichen Hautrötung als direkte Folge des Zeckenstiches zu unterscheiden. Diese bleibt im Allgemeinen auf die Einstichstelle begrenzt, dehnt sich nicht auf mehrere Zentimenter aus und verblasst nicht in der Mitte.

Vor allem im Kinder- und Jugendalter sowie bei Frauen können auch kleine blaurote Knötchen (Borrelien-Lymphozytom) in der Haut als Folge einer Infektion mit Borrelien auftreten. Sie befinden sich vorzugsweise im Bereich der Brustwarzen, im Genitalbereich und an den Ohrläppchen.

Neben diesen spezifischen Krankheitszeichen können allgemeine Infektionserscheinungen wie Fieber, Muskelschmerzen, Kopfschmerzen, Schweißausbrüche, Magen-Darm-Beschwerden, Krankheitsgefühl und Abgeschlagenheit auftreten.

Krankheitsbild

Die vielgestaltige Borreliose kann als Multisystemerkrankung bezeichnet werden. Je nach der Art des ersten Auftretens von Symptomen variiert die Zeit von der Ansteckung bis zur Krankheit (Inkubationszeit) stark: Tage bis Wochen für das akute Stadium, Monate bis Jahre für das chronische Stadium. Zu beachten ist, dass jedes Krankheitsanzeichen isoliert, aber auch in unterschiedlichen Kombinationen auftreten kann. Eine spontane Ausheilung ist in beiden Krankheitsstadien möglich.

Akutes Stadium

Nach wenigen Tagen bis Wochen können erste Krankheitserscheinungen auftreten. Die Beschwerden können ausgeprägt sein, aber auch sehr schwach ausfallen. Neben dem möglichen Auftreten von Allgemeinsymptomen wie Krankheitsgefühl, leichtes Fieber, Muskelschmerzen, Kopfschmerzen, Schweißausbrüchen, Abgeschlagenheit u.a. mehr, kommt es in etwa 50% der Fälle zu einer Hautrötung mit zentraler Abblassung an der Zeckenstichstelle (Erythema migrans), die sich ringförmig ausbreitet und über den ganzen Körper wandern kann. Eine weitere akute Erscheinungsform an der Haut, welche jedoch wesentlich seltener als das Erythema migrans auftritt, ist die Entstehung von kleinen festen Hautschwellungen (Borrelienlymphozytom) besonders an den Ohrläppchen oder den Brustwarzen.

Frühes chronisches Stadium

Dieses Stadium kann auch ohne vorherige akute allgemeine Symptomatik und Hautveränderungen nach einigen Wochen bis Monaten auftreten. Es ist charakterisiert durch einen Befall des Nervensystems (Neuroborreliose) oder der Gelenke (Arthritis). Selten kommt es zu Herz- (Myokarditis) oder Muskelentzündungen (Myositis) sowie zu einer Entzündung der Sehnerven.

Der Befall des Nervensystems kündigt sich gewöhnlich durch starke Schmerzen an und zeigt sich bei der Mehrzahl der Betroffenen in einem meist einseitig führenden aber überwiegend beidseitigen Gesichtsnervenbefall (Fazialisparese). Auch Lähmungen an anderen Körperpartien können auftreten. Eine leichte Gehirnhautentzündung (Meningitis) mit Symptomen wie Kopfschmerzen ist gewöhnlich vorhanden und wird durch die Lumbalpunktion nachgewiesen.

Die Gelenkbeteiligungen können akut oder chronisch auftreten. Es bestehen rheumaähnliche Beschwerden in einem oder mehreren großen Gelenken. Die Schmerzen klingen meist nach 1 bis 2 Wochen ab, können aber immer wieder erneut auftreten. Solche Beschwerden werden noch immer zu selten als Borreliose erkannt.

Bei Befall des Herzmuskels werden oft Herzrhythmusstörungen bemerkt. Diese werden meist durch Störungen bei der Reizweiterleitung hervorgerufen, was zu einer Verlangsamung des Herzschlags führt. In einigen Fällen kann dadurch der vorübergehende Einsatz eines Herzschrittmachers notwendig sein.

Auswirkungen

Bei einem Übergang ins späte chronische Stadium kann es zu schwerwiegenden lebenslangen Beschwerden kommen. Dazu gehören rheumaähnliche Gelenkentzündungen (Polyarthritis), chronische Entzündungen von Gehirn und Rückenmark, die mit erheblichen Störungen des Nervensystems einhergehen können (Enzephalomyelitis). Im Rahmen dieser so genannten Neuroborreliose können sich Lähmungen, Bewegungsstörungen und Gefühlsstörungen ähnlich der Multiplen Sklerose entwickeln.

Ärztliche Untersuchungen

Um eine Borreliose diagnostizieren zu können, ist es wichtig zu wissen, ob ein Zeckenstich erfolgt ist. Da dieser nicht selten unbemerkt bleibt, muss für den Verdacht auf das Vorliegen einer Borreliose zumindest die Möglichkeit zu einem Zeckenstich, z.B. durch einen Waldspaziergang im Sommer, gegeben sein. Wenn dann noch Wanderröte (charakteristische Hautrötung mit aufgehellter Mitte) und/oder Allgemeinsymptome wie Fieber etc. auftreten, muss an eine Borreliose gedacht werden.

Auch Monate oder gar Jahre nach einem Zeckenstich können typische Symptome des chronischen Stadiums auf die Infektion hinweisen. Untersuchungen des Bluts, Gehirnwassers, der Gelenkflüssigkeit oder kleiner Hautproben auf Antikörper bzw. Bakterienbestandteile können den Verdacht einer Infektion erhärten, die Interpretation solcher Labortests ist aber nicht immer eindeutig. Grund hierfür ist u.a. die Tatsache, dass auch bei Gesunden bei bis zu 10% Antikörper (bei Landwirten und Forstarbeiter bis zu 30%) gegen Borrelien gefunden werden, ohne dass von einer akuten oder chronischen Borreliose auszugehen wäre.

Behandlung

Zahlreiche Antibiotika haben sich als wirksam gegen die Borreliose-Erreger (Borrelia burgdorferi) erwiesen. Abhängig vom Krankheitsstadium werden entweder Tabletten (z.B. Doxycyclin) oder Infusionen (z.B. Cefotaxim, Ceftriaxon) bevorzugt. Die Behandlungsdauer beträgt zwischen 2 und 4 Wochen. Eine vorbeugende Antibiotika-Gabe nach Zeckenstich ohne Krankheitszeichen wird nicht empfohlen.

Weiter können (früher häufig, heute selten gesehene) Veränderungen des Unterhautfettgewebes und der Haut (Akrodermatitis chronica atrophicans) auftreten, besonders an Armen und Beinen, wodurch es zunächst zu einer blau-roten und etwas teigig-geschwollenen, später zu einer zigarettenpapierartigen Hautbeschaffenheit mit ausgeprägter Venenzeichnung kommt.